Systemische Hörtherapie und Analytische Kunsttherapie

Pränatale Wahrnehmung: Lebensbasis und Lebenshintergrund

Wir alle haben unsere Lebensreise in der bergenden Höhle des Mutterleibes begonnen, mit der Befruchtung der weiblichen Eizelle, die nicht größer ist als der Punkt auf diesem „i“. Nach einem genetisch angelegten Muster entwickeln sich aus dieser Eizelle in wenigen Wochen die verschieden Organe und Körperstrukturen. Rasch reifen die Sinnessysteme heran und ermöglichen bald Kommunikation und Lernen. Der Embryo schwimmt im Fruchtwasser und ist dadurch weitgehend der Schwerkraft enthoben. Er schmeckt das Fruchtwasser, er ertastet sich seinen ersten Lebensraum und begreift sich selbst. Das Fruchtwasser streift über die erste Behaarung, die Lanugohaare und stimuliert die Haut als unser größtes Sinnesorgan auf besondere Weise.

Die beiden im Innenohr auf engstem Raum vereinten Sinne, der Gleichgewichtssinn und der Hörsinn, haben eine wichtige Bedeutung für die Anbindung des Kindes zu seiner Mutter. Unter der steuernden Funktion des Gleichgewichtssinnes entwickelt der Fetus einen Muskeltonus (Körperspannung) und bereitet sich vor auf die Herausforderung nach der Geburt, die Aufrichtung gegen die Schwerkraft. Mit dem Hörsinn nimmt das Kind die Körpergeräusche, die Stimme der Mutter und Klänge von außen sehr früh sehr differenziert wahr. Das Kind erkennt nach der Geburt nicht nur die Stimme, sondern auch die Sprache der Mutter wieder, unterscheidet und bevorzugt sie vor anderen Sprachen. 

Hält man ein Mikrofon in die Bauchhöhle, so dominieren eher die tiefen Töne bis ca. 1.000 Hz. Bereits nach diesen Untersuchungen ist die Mutterstimme doppelt so laut wie andere Geräusche. Nach den Forschungen des französischen Arztes Dr. Alfred Tomatis (”Der Klang des Lebens”, Hamburg 2000) nimmt das Kind jedoch vor allem die höheren Frequenzen wahr. Das Kind hört demnach weniger über den Schallübertragungsweg Trommelfell und Mittelohr, die Luftleitung. Vielmehr dominiert das Hören über die Knochenleitung und der Knochen leitet aufgrund seines Resonanzspektrums vor allem die hohen Frequenzen weiter. Die Stimme der Mutter wird über die Wirbelsäule in ihr Becken geleitet und die Beckenschaufeln wirken wie ein Stereokopfhörer (M. Spitzer, “Musik im Kopf”, Stuttgart 2005).

Wenn sich der Fetus in den letzten Wochen der Schwangerschaft mit seinem Kopf im mütterlichen Becken verankert, wird eine optimale Schallübertragung möglich. Es kommt zu Resonanz und Bindung. Der Fetus erfährt über den Klang und Rhythmus der Mutterstimme deren Gefühlsspektrum. Auf dem bergenden Hintergrund der Körpergeräusche, wie Herzschlag und Atemrhythmus und dem körperlichen Erleben von Sicherheit und Gehaltensein in Bauchdecken und Beckenknochen der Mutter erhorcht der Fetus das Gewisper der Mutterstimme. Er trainiert seine akustische Wahrnehmung, indem er anfängt zu selektieren, bedeutsames (Mutterstimme) von weniger wichtigem (Körpergeräusche) zu unterscheiden.

Ein erstes Kommunikations- und Bindungsmuster reift heran. Wenn die Eindrücke, die der Fetus empfängt, ihm überwiegend angenehm sind, sucht er nach Verstärkung, indem er Körper und Knochenkontakt zur Mutter erhöht. Der Mutterleib wird zu einer inneren Ressource, die in späteren nachgeburtlichen Krisenzeiten als eine positive Regressions- und Regenerationsquelle genutzt werden kann. Wenn ausgeprägte Belastungen wie Depressionen oder psychosozialer Stress überwiegen, kann es auch zu Trübungen in der Bindungsfähigkeit und im Lebensgefühl des Kindes kommen. 

Der Hirnforscher Antonio Damasio (”Der Spinoza-Effekt”, München 2005) weist darauf hin, dass wir die meiste Zeit unseres Lebens gar nicht in klar abgegrenzten Gefühlen wie Ärger oder Freude sind, sondern in Übergängen dazwischen, in einer bestimmten Gestimmtheit. Er bezeichnet dies als Hintergrundgefühle. Die Erfahrungen im Mutterleib bilden eine wichtige Basis dieser Hintergrundgefühle.

Systemische Hörtherapie und Analytische Kunsttherapie

Die Systemische Hörtherapie nach den Grundlagen von Dr. A. Tomatis bietet die Möglichkeit, in diese Welt der pränatalen Stimmungen auf behutsame Weise hinein geführt zu werden. Grundlage der Therapie ist zunächst ein spezieller Hörtest, der Aussagen über ein Kommunikationsmuster und Beziehungsstrukturen ermöglicht. Die Therapie erfolgt über das Hören von ausgewählten Werken von Mozart und auch gregorianischen Gesängen an 15 (12) aufeinander folgenden Tagen täglich zwei Stunden. Die Musik wird über von Dr. A. Tomatis konstruierte Klangwandler auf individuelle Weise gefiltert. In den ersten Tagen wird zunächst durch sehr sanfte Filtrierung ein akustisches Adaptationstraining vorgenommen, mit dem Ziel erstmal Zeit und Raum zu geben, innerlich anzukommen und den Hörsinn flexibler und geschmeidiger werden zu lassen. In den dann folgenden Tagen werden aus der Musik von Mozart langsam und behutsam die tiefen Frequenzen zunehmend herausgefiltert, bis nur noch die obersten Töne oberhalb von 8.000 Hz enthalten sind. Dies entspricht einer akustischen Reise in die vorgeburtliche Klangwelt. Es kann dann auch eine Aufnahme der Stimme der Mutter mit einer Filtrierung wie im Mutterleib wahrgenommen gehört werden.

Durch eine Reihe von Gesprächen wird dieser Prozess begleitet. Eine besondere Möglichkeit ist dabei das bildnerische Gestalten während des Hörens. Die manchmal wie Erinnerungsblasen aufstrebenden Wahrnehmungen und Gefühle können dadurch gestaltet und differenziert werden. Es können gemeinsam Lösungen für etwaige Konflikte oder den Umgang mit manchmal bedrängenden Emotionen erarbeitet werden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einem ressourcen-orientierten Arbeiten.

Die Auswirkungen des Hörens der höhenbetonten Musik und der gefilterten Mutterstimme beschränken sich keineswegs auf die vorgeburtliche Welt. Auch nachgeburtliche Erinnerungen und Wahrnehmungen, besonders aus frühkindlicher und vorsprachlicher Zeit, tauchen in Träumen oder Gedankenketten auf. Generell wird Träumen und freies Assoziieren angeregt. Vieles weist daraufhin, dass diese besondere Art des Hörens besonders die rechte Gehirnhälfte mit ihrem ganzheitlich  simultanen Verarbeitungsmodus anspricht. In späteren Therapieabschnitten kann auch der akustische Übergang aus dem Mutterleib in die Welt als „akustische Geburt“ erfahren werden. Gesangs- und Sprachübungen mit der Stimme können die Therapie abrunden.

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